Aquarell Sonntag

Wie man Blumen in einer Vase mit Aquarellfarben lebendig malt

Ein Aquarellbild von einer Glasvase wirkt entweder klar und nass – oder wie ein grauer Lappen mit ein paar Blumen drauf. Einen Mittelweg gibt es bei mir kaum, jeder Strauß, der auf meinem Papier landet, bestätigt das. Als Aquarell-Anfängerin aus Würzburg bin ich diesem Irrtum lange selbst hinterhergelaufen: dem Glauben, man müsse das Glas der Vase irgendwie einfärben, damit es nach Glas aussieht. Genau das Gegenteil ist richtig. Wer das einmal verstanden hat, malt Blumen in einer Vase von da an lebendiger – mit weniger Farbe, nicht mit mehr.

Woher der Irrtum kommt, lässt sich leicht nachvollziehen. Jedes Glas hat eine sichtbare Kante, einen Schimmer, manchmal einen kühlen Ton im Schatten. Wer so etwas zum ersten Mal genau beobachtet, will diesen Ton naturgemäß aufs Papier bringen. Sobald man aber die ganze Fläche der Vase mit Farbe füllt, verschwindet ausgerechnet das, was Glas von einem Becher aus Plastik unterscheidet: der Blick auf das, was dahinterliegt. Mein Kasten mit seinen 12 Standard-Näpfchen steht dafür schon bereit, die wichtigste Entscheidung treffe ich aber, bevor der Pinsel überhaupt nass wird.

Warum bleibt die Vase am besten leer?

Die kurze Antwort: weil Glas selbst keine eigene Farbe hat, sondern nur zeigt, was hindurchscheint. Fenster, Schatten, die helle Tischfläche, manchmal sogar die Blumenstiele selbst, leicht verschoben durch das Wasser. Male ich die Vase als eigene Form an, bekomme ich einen Becher. Lasse ich sie dagegen größtenteils weiß und setze nur dort Farbe, wo wirklich ein Schatten sitzt, entsteht Glas. Auf meinem Blatt im ISO-Format A4 sind das oft nur drei oder vier kleine Flecken, nicht mehr. Dünne, kühle Lasuren direkt neben dem reinen Weiß des Papiers reichen fast immer – das hat mehr mit genauem Hinschauen zu tun als mit Maskierflüssigkeit oder einer eigenen Technik dafür, über die ich ein andermal schreibe.

Nahaufnahme Aquarell Blumenstängel in Glasvase mit Lichtreflexen – Technik für Aquarell-Anfänger

Mitte Mai ist mir das noch gründlich misslungen. Eine einzelne Tulpe in einem Glas sollte es werden, am Ende sah es aus wie eine trübe Pfütze mit einem grünen Strich darin. Der Fehler war immer derselbe: zu viel Farbe auf der Vase selbst, zu wenig Vertrauen ins weiße Papier. Heute lasse ich die Form des Glases fast nur noch durch die dunkleren Stiele und Blätter dahinter entstehen. Mit Zwischenräumen zu arbeiten ist ein eigenes Thema, das würde hier zu weit führen.

Aquarell Blumen malen: dunkle Zwischenräume geben hellen Blütenformen ihre Kontur

Das Licht, das durchs Wasser bricht

Sobald die Vase steht, kommt die zweite Überraschung: Die Stiele unter der Wasserlinie sehen anders aus als darüber. Sie wirken dicker, manchmal leicht nach links oder rechts verschoben, je nachdem, wie das Licht durchs Glas fällt. Wer das beim Malen ignoriert und die Stiele einfach gerade durchzieht, verliert genau den Moment, der eine Vase von einer bloßen Blumenschale unterscheidet. Ich setze an dieser Stelle meist nur einen hellen, fast durchsichtigen Schatten und ein, zwei winzige weiße Punkte, die von Anfang an frei bleiben. Erst dadurch fängt das Wasser an zu glänzen.

Für die Schatten im Wasser greife ich gern zu einem kühlen Blau, dessen Pigmenteigenschaften und Lichtechtheit ein eigenes Thema sind, das ich hier nicht aufmachen will. Wichtiger ist ohnehin das Papier: Ich arbeite grundsätzlich mit einer Grammatur von 300 g/m², mehr dazu ein andermal.

Zu viel Sorgfalt macht Blumen starr

Der zweite Irrtum sitzt tiefer als der erste: der Gedanke, eine Blume werde lebendiger, je genauer man jedes Blütenblatt nachzeichnet. Bei mir passiert meistens das Gegenteil. Letzten Sonntag wollte ich eine tiefrote Rose malen, die aus einem Strauß meiner Nachbarin herausstach. Ich nahm mir vor, jedes Blütenblatt einzeln und exakt zu treffen, Schicht für Schicht übereinander. Als das Bild trocken war, sah die Rose nicht samtig aus, sondern schwer und seltsam leblos. Nichts von der Transparenz, die Aquarell überhaupt erst besonders macht, war übrig.

Bekannte aus meiner kleinen Aquarellrunde kennen dieses Problem auch, nur gehen manche lockerer damit um als ich. Elfrun, die ich von einem Aquarellnachmittag im Gemeindehaus kenne, malt deutlich schneller und freier, und ihre Blumen wirken trotzdem nie steif. Schicke ich ihr ein Foto von meiner zu sauber gemalten Rose, kommentiert sie meist knapp, ich solle beim nächsten Mal bewusst eine Blüte schlampiger lassen als die anderen. Genau das ist inzwischen meine Regel: Sobald mir eine Blüte zu brav gerät, kippe ich mehr Wasser hinein, statt nachzukorrigieren.

Locker bleiben, auch wenn die Hand zittert

Bevor ich zum Aquarell kam, hatte ich es mit einem einfachen Tagebuch versucht, nur Worte, keine Bilder. Nach drei Wochen hatte ich aufgegeben, die Seiten fühlten sich leer an, egal wie viel ich schrieb. Ein Bild hält offenbar etwas fest, was ein Satz allein nicht schafft, zumindest geht es mir so. An Tage wie diesen denke ich manchmal an meine ehrliche Meinung zum Aquarell online malen lernen zurück, wenn ich selbst wieder zu ungeduldig mit mir werde.

Unperfekte Blumen gehören für mich inzwischen dazu, genauso wie der Gedanke, dass Lebendigkeit nicht aus Präzision kommt, sondern aus kleinen Unterschieden zwischen den Blüten. Keine zwei Nelken sehen in meinem Bild je völlig gleich aus, das ist Absicht, keine Schlamperei. Diesen letzten Sonntag habe ich die Session beendet, ohne auch nur einmal auf die Uhr geschaut zu haben. Das hat weniger mit Disziplin zu tun als mit dem, was ich inzwischen unter meine entspannte Morgenroutine für kreative Frauen verstehe.

Was ich mir für den nächsten Strauß vornehme

Fertiges Aquarellbild herbstlicher Nelken in der Vase – Ergebnis einer Aquarell-Anfängerin im Ruhestand

Mein Bild für heute ist fast fertig, die Nelken leuchten in einem weichen Rosa, und die Vase hat diesen einen Lichtreflex bekommen, der sie plastisch wirken lässt. Kein Meisterwerk, aber ein ehrliches Bild einer Frau im Ruhestand, die sonntags lieber malt als fernsieht. Falls du selbst vor einer Vase stehst und dich nicht traust anzufangen: Mal zuerst, was durch das Glas sichtbar ist, und lass die Vase selbst fast ganz weiß. Und gerät dir eine Blüte zu brav, mach die nächste nicht genauso ordentlich, sondern bewusst ein bisschen anders.

Notizen zu solchen Entscheidungen schreibe ich mir an den Rand meines Skizzenbuchs, desselben Buchs, das mitkommt, wenn ich meine Tochter besuche. Über das Reiseskizzenbuch gestalten für Anfänger schreibe ich an anderer Stelle mehr, hier reicht der Hinweis, dass die Idee mit dem Weißlassen unterwegs genauso gut funktioniert wie im Alltag zuhause. Später heute, wenn die Farben trocken sind, nehme ich mir vielleicht noch eine Runde durchs Sanderglacis vor, bevor der Montag mit seinem eigenen Rhythmus wieder anklopft.

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