
Die Wartehalle am Würzburger Hauptbahnhof riecht nach kaltem Kaffee und nassem Regenschirm. Auf der Bank neben mir liegt ein Rucksack, deutlich kleiner als noch vor zwei Jahren, und drin: mein eigener kleiner Reise-Aquarellkasten für Reiseskizzen, gerade groß genug für eine Handvoll Farben und ein schmales Skizzenbuch.
Vor zwei Jahren, kurz nach meiner Pensionierung, saß ich noch mit einem schweren Metallkasten am Küchentisch und dachte als Aquarell-Anfängerin, mehr Farbe bedeutet mehr Möglichkeit. Unterwegs stimmt das einfach nicht. Meine Freundin, die jeden Tag im Ringpark ihre Runden mit den Nordic-Walking-Stöcken dreht, hat mich neulich am Telefon gefragt, warum ich für ein bisschen Malen überhaupt noch so einen Klotz mitschleppe. Sie hat recht gehabt. Also habe ich mich hingesetzt und meine eigene kleine DIY-Ausrüstung zusammengebaut, kein gekauftes Set, sondern das, was ich schon hatte.
Warum Minimalismus beim Malen unterwegs für Ruhe sorgt
Es gibt Reisekästen, die kaum größer sind als eine Streichholzschachtel, mit drei winzigen Näpfchen darin. Für mich war das nie eine Option. Wer nur drei Farben hat, verbringt die halbe Zeit mit Mischen statt mit Malen, und gerade am Anfang raubt einem das schnell die Lust. Mit Warm-Rot, Kühl-Blau und den beiden Gelbtönen lässt sich fast jede Mischung herstellen, die ich unterwegs brauche, auch wenn ich die genaue Logik hinter einem richtigen Farbkreis erst an anderer Stelle einmal gründlich durchdacht habe. Für Tiefe im Bild schichte ich inzwischen gern mehrere dünne Lagen übereinander, aber wie man das im Detail richtig macht, ist ein eigenes Thema, das hier keinen Platz hat.

Welche Farben wirklich mit in die Handtasche dürfen?
Sechs Farben haben es am Ende in meine kleine Metalldose geschafft, die früher einmal Pastillen enthielt. Ein warmes Rot, ein kühleres Rot, ein warmes Gelb, ein kühles Zitronengelb und zwei Blautöne – mehr passt ohnehin nicht hinein, und mehr brauche ich unterwegs auch nicht. Wie lichtecht oder wie transparent ein Pigment wirklich ist, dazu könnte ich ein eigenes Kapitel schreiben, aber unterwegs zählt für mich vor allem, dass die Farbe schnell trocknet und nicht schmiert. Echte Künstlerfarben werden nach einem Standard für Lichtechtheit geprüft, dem ASTM D4302, was ich als pensionierte Deutschlehrerin höchstens am Rande verstehe, aber ein bisschen beruhigt es mich trotzdem. Mein Siena Natur, das ich fast nie missen möchte, trägt im Handel oft das Kürzel P.Br.7, ein herrlich erdiger Ton, den ich besonders für alte Fassaden und Backsteinmauern mag.
Kleine Helfer, die den Unterschied machen
Die Farben fülle ich selbst in kleine leere Näpfchen, presse sie aus der Tube und lasse sie trocknen. Weil Aquarellfarbe durch Gummi arabicum zusammengehalten wird, reicht später ein Tropfen Wasser, um sie wieder wachzurufen, egal wie lange sie in der Dose geschlafen haben. Unter jedes Näpfchen habe ich einen winzigen Magnetstreifen geklebt, damit nichts mehr in der Dose herumrutscht, und in eine Ecke passt gerade noch ein Stückchen Naturschwamm für Strukturen und zum Abtupfen des Pinsels. Die hellen Stellen im Bild spare ich unterwegs meist einfach mit dem Pinsel aus, statt mit Maskierflüssigkeit zu arbeiten, die mir im Rucksack ohnehin zu schnell eintrocknet. Auch das Skizzenbuch selbst gehört für mich zur Ausrüstung wie der Kasten – warum ein Skizzenbuch für Anfänger auf Reisen eine Bereicherung ist, habe ich erst verstanden, als ich anfing, auch die missglückten Seiten einfach darin zu lassen. Skizzieren mit dem Bleistift fällt mir bis heute schwerer als malen, aber unterwegs reicht ohnehin meist nur eine grobe Vorzeichnung.
Eine Bonbondose, die im Rucksack aufging
Mein allererster Versuch für einen Reisekasten war übrigens keine Pastillendose, sondern eine alte Bonbondose aus der Küchenschublade. Der Deckel hat sich im Rucksack einfach geöffnet, und als ich am Bahnsteig nachgesehen habe, lagen zwei Näpfchen lose zwischen Fahrkarte und Taschentüchern. Bevor ich zum Aquarell kam, hatte ich es übrigens mit Stricken versucht, nach Anleitungsvideos im Internet, aber die Maschen sind mir immer wieder von der Nadel gefallen, bis ich die Wolle irgendwann frustriert weggelegt habe. Beim Malen ist mir so etwas nie so ausschlaggebend – ein missglücktes Bild ist für mich längst kein Beinbruch mehr, eher ein Hinweis, was ich beim nächsten Mal anders probiere. Unterwegs mit einem Wassertankpinsel und einem winzigen Becher lässt sich das Verhältnis von Wasser und Farbe kaum so genau dosieren wie am Küchentisch, deshalb arbeite ich draußen inzwischen lieber etwas trockener, wie ich es auch in meinen Notizen über das richtige Verhältnis von Wasser und Farbe festgehalten habe.

Das Ritual mit an den Bahnsteig nehmen
Normalerweise ist der Sonntagvormittag mein fester Malmoment, aber die Wartehalle zeigt mir, dass sich das Ritual auch verpflanzen lässt. Nass-in-Nass, wie ich es gern mache, wenn Farben ineinanderlaufen, wage ich am Bahnhof kaum – das Papier durchnässt zu schnell, und niemand wartet auf ein trockenes Blatt, wenn der nächste Zug einfährt. Trotzdem bleibe ich manchmal einfach sitzen und schaue zu, wie eine Farbe still ins Feuchte hineinläuft, ohne dass ich noch etwas tue, und genau in diesen Pausen merke ich, wie ruhig meine Hände inzwischen geworden sind. Seit Woche 5 mit Timothy90 fällt mir das immer wieder auf: Wenn ich eine neue kleine Dose aufklappe, zittern meine Hände nicht mehr dabei, ganz anders als am Anfang. Mit Walpurga Kiefer, einer Kursteilnehmerin aus dem Forum, die den gleichen Kurs fast zeitgleich mit mir begonnen hat, tausche ich mich manchmal über solche Kleinigkeiten aus – sie lebt in Österreich und hat an ihrem Platz ganz andere Lichtverhältnisse als ich, sodass unsere Bilder trotz gleicher Lektion nie wirklich vergleichbar sind. Licht und Schatten setze ich unterwegs ohnehin nur noch angedeutet, weil sich das Licht in einer Bahnhofshalle sowieso ständig ändert, je nachdem, wer gerade vorbeigeht oder welcher Zug einfährt. Das Papier in meinem Reiseblock ist außerdem spürbar leichter als das, was ich sonntags zuhause benutze, und es wellt sich entsprechend schneller, sobald zu viel Wasser draufkommt.
Jetzt passt mein ganzes Hobby in eine Jackentasche, und das ist für eine Frau, die 35 Jahre lang mit einer vollen Schultasche unterwegs war, kein kleiner Umstand. Du brauchst keine 24 Farben, um das Glitzern auf nassem Pflaster oder das satte Grün an einem Bahnsteig einzufangen – manchmal reichen sechs. Ich bin keine Künstlerin, ich bin Renate, und ich lerne noch. Vielleicht liegt bei dir ja auch noch eine alte Blechdose in der Schublade, die nur darauf wartet, umfunktioniert zu werden. Es braucht nicht viel, um sich unterwegs ein Fenster zur Ruhe aufzuklappen, und ein selbst zusammengestellter kleiner Kasten wächst mit der Zeit genauso mit wie die Geduld mit sich selbst.