Aquarell Sonntag

Die Negativtechnik im Aquarell für Anfänger einfach erklärt am Sonntagmorgen

Vier Wochen hat es gedauert, bis meine Nachbarin im Treppenhaus stehenblieb, auf das klatschnasse Blatt in meiner Hand schaute und sagte: „Das ist doch die Kastanie aus dem Botanischen Garten!" Dabei hatte ich gar keinen Baum gemalt. Ich hatte nur die Fläche drumherum mit Farbe gefüllt und die helle Form dazwischen frei gelassen. Beim Aquarell lernen nennt man das die Negativtechnik, und kein anderes Thema hat meine Sonntagsmalerei und meine Hobbys im Ruhestand in letzter Zeit so beschäftigt wie dieses.

Früher, in fünfunddreißig Jahren als Lehrerin, ging es immer um das Objekt selbst: den Baum, das Haus, die Blume. Bei der Negativtechnik ist das anders. Man malt nicht die Blume, sondern den Schatten dahinter, den Zwischenraum zwischen den Blättern, das Nichts, aus dem das Etwas erst hervortritt. Es erinnert mich ein wenig ans genaue Lesen, das ich früher unterrichtet habe – das, was nicht direkt dasteht, gibt der Sache oft erst ihre Tiefe.

Was die Negativtechnik von allem unterscheidet, was ich als Kind gelernt habe

Einen nebligen Morgen im vergangenen November vergesse ich nicht: Ich hatte gerade erst angefangen und dachte, man müsse nur vorsichtig um die Form herummalen. Mein Kopf schrie aber etwas ganz anderes: mal doch endlich die Blüte! Die Negativtechnik verlangt Disziplin. Man muss lernen, das Motiv als helle Insel in einem dunklen Meer zu sehen, und für Anfänger fühlt sich das zuerst an wie Kontrollverlust, dabei ist es eigentlich das Gegenteil.

Zeichnen fällt mir bis heute schwerer als Malen, seit ich den Bleistiftkurs nach der dritten Lektion abgebrochen habe, weil sich der Stift in meiner Hand einfach falsch anfühlte. Mit dem Pinsel bleibe ich dagegen dran, auch wenn er mich an Tagen wie diesem genauso zur Verzweiflung bringt.

Bevor das Aquarell kam, hatte ich es eine Weile mit einer Sudoku-App versucht, jeden Tag ein Rätsel, ganz diszipliniert. Nach einem Monat war mir davon nur noch langweilig, und die App verschwand vom Bildschirm meines Tablets. Beim Aquarell ist mir das bisher nicht passiert, vielleicht gerade weil hier nie zweimal dasselbe herauskommt.

Welches Papier sich für Anfänger wirklich eignet, ist ein eigenes Kapitel für sich, aber so viel weiß ich inzwischen: Dickeres Papier bleibt bei so viel Wasser gelassener, und genau das braucht stabiles Aquarell-Papier, wenn Hintergründe großzügig nass angelegt werden. Maskierflüssigkeit, mit der andere ihr Weiß bewahren, liegt bei mir noch ungeöffnet im Schrank – ich fange lieber mit einer hauchdünnen, warmen Lasur in Gelb oder Rosa über das ganze Blatt an, bevor ich überhaupt an die ausgesparten Formen denke. Das nimmt der Sache die Härte, und das fertige Bild wirkt am Ende runder.

Negativtechnik Aquarell: Farbe wird gezielt um ein helles Blütenblatt herum aufgetragen, Sonntagsmalerei am Küchentisch

Die Hortensien im Botanischen Garten und die Geduld beim Schichten

Während der ersten warmen Apriltage saß ich auf einer Bank im Botanischen Garten der Universität Würzburg und beobachtete die Hortensien dort. Jede Blüte besteht aus so vielen kleinen, überlappenden Blättchen, dass es steif und leblos wird, wenn man versucht, jedes einzeln zu malen. Also legte ich erst die hellsten Bereiche der ganzen Dolde als einen großen, wässrigen Fleck an und wartete, bis das vollständig getrocknet war, bevor ich mit einer dunkleren Farbe die Zwischenräume zwischen den vorderen Blütenblättern füllte.

Walpurga Kiefer aus meinem Kurs-Forum war mit dem Schichten-Kapitel längst durch, als ich in Woche 12 gerade erst richtig zu verstehen begann, worum es dabei geht. Wie ich mich damals durch die einzelnen Lektionen gearbeitet habe, kannst du in Meine Timothy90s Aquarell Online Kurs Erfahrungen als Anfängerin Ü50 nachlesen. Wie man Aquarellfarben wirklich schichtet, damit ein Bild Tiefe bekommt, ist noch mal ein eigenes Thema für sich, aber ohne den Grundgedanken – erst hell, dann warten, dann dunkler – wäre aus der Hortensien-Dolde nie etwas geworden.

Das Klack, wenn der Pinsel kurz gegen den Rand des alten Marmeladenglases stößt, bevor ich das überschüssige Wasser abstreife, gehört inzwischen so selbstverständlich zum Sonntag wie der erste Schluck Kaffee. Wie man Farben wirklich versteht und selbst mischt, erkläre ich lieber ein andermal ausführlich, aber ein zartes Gelb oder ein blasses Rosa als erste Lasur mische ich mittlerweile, ohne lange nachzudenken.

Am Telefon erzähle ich einer Freundin davon, die seit Jahren Sauerteigbrot nach alten Rezepten backt. Sie lacht nur und meint, Geduld mit dem Teig sei genau dasselbe wie Geduld mit der Farbe, beides brauche seine Zeit und lasse sich nicht drängeln.

Als das Preußischblau die Kontrolle übernahm

Letzten Sonntag, beim zweiten Kaffee, wollte ich den Hintergrund hinter einer besonders hellen Blüte dunkel und dramatisch anlegen. Ich griff zu Preußischblau, einer Farbe, die ich eigentlich liebe, die aber eine gewaltige Kraft entfaltet, sobald sie auf nasses Papier trifft.

Nass-in-nass-Malen ist ohnehin schwer vorherzusagen. An diesem Morgen entschied das Wasser ganz allein, wohin die Farbe wollte: Eine Stelle auf meinem Blatt war noch einen Hauch zu feucht, und das dunkle Blau sickerte in die mühsam ausgesparte, helle Blütenform hinein, als würde sich Tinte in klarem Wasser auflösen.

Mein erster Impuls war Panik. Ich griff zum Küchentuch und tupfte hastig auf dem Blatt herum, was die Sache nur schlimmer machte und einen struppigen, unschönen Fleck hinterließ. Dass Fehler manchmal genau der Punkt sind, an dem man weiterkommt, lese ich immer wieder in Aquarell Fehler korrigieren für Anfänger: So lassen sich Bilder noch retten nach, und an diesem Sonntag musste ich es mir selbst noch einmal beweisen.

Missglücktes Aquarell mit verlaufenem Preußischblau neben Wasserglas und Küchentuch, ein typischer Anfänger-Fehler beim Aquarell lernen

Heute atme ich erst mal tief durch, nehme einen Schluck Kaffee und schaue mir das Missgeschick in Ruhe an, anstatt das Blatt wie früher zerknüllt in den Papierkorb zu werfen. Das Blau saß zwar an der falschen Stelle, aber der Verlauf war für sich genommen schön anzusehen. Kontrolle abzugeben gehört offenbar genauso zur Negativtechnik wie das genaue Aussparen einer Form.

Warum ich Licht und Schatten jetzt anders sehe

Wer im Ruhestand nach etwas sucht, das fordert, ohne zu überfordern, findet in dieser Technik eine gute Übung: Man muss nicht mehr jedes Detail kontrollieren, sondern nur den Raum drumherum gestalten, damit das Wichtige sichtbar wird. Wie man Licht und Schatten in Aquarellbildern richtig setzen als Einsteiger lernt, verändert dabei den Blick auf die ganze Umgebung spürbar. Wenn ich jetzt durch den Botanischen Garten der Universität Würzburg gehe, sehe ich nicht mehr nur Bäume, sondern die hellen Lücken zwischen den Zweigen und die Schatten auf dem Kiesweg.

Mein Enkel fragt manchmal, warum ich denn neben die Blume male und nicht die Blume selbst. Dann erkläre ich ihm in aller Ruhe, dass ich der Blume erst den Platz schaffen muss, damit sie überhaupt auftauchen kann. Er nickt dazu jedes Mal sehr ernst, als hätte er gerade ein großes Geheimnis verstanden.

Vielleicht probierst du es nächsten Sonntag selbst aus: ein einfaches Motiv, ein Blatt, eine Tasse, eine Frucht, und dann malst du nicht das Ding selbst, sondern alles drumherum. Wie der allererste Sonntag ohne Schule bei mir angefangen hat, erzähle ich ein andermal, aber die zwei Stunden am Vormittag sind mir inzwischen so wichtig wie früher der Stundenplan. Sei nicht zu streng mit dir, wenn das Gelb danebengeht oder das Blau dahin wandert, wo es nicht hinsollte.

Diese Woche war jedenfalls eine Lehre in Geduld. Das Blatt mit der missglückten Hortensie hängt jetzt am Kühlschrank und erinnert mich daran, dass auch ein misslungener Sonntagvormittag ein guter Vormittag war, solange der Pinsel dabei in der Hand lag. Gönn dir in dieser Woche irgendwo eine ruhige halbe Stunde nur für dich, ganz ohne Erwartungen an das Ergebnis.

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