Aquarell Sonntag

Fluchtpunktperspektive einfach erklärt für den ersten Start mit dem Skizzenbuch

Vierzehn Buchsbaumkugeln säumen einen der Wege im Hofgarten der Residenz, alle exakt gleich gestutzt, und trotzdem werden sie auf meinem Skizzenblock von vorne nach hinten immer kleiner, bis die letzte kaum größer ist als ein Radiergummikrümel. Genau dieses Rätsel beschäftigt mich an fast jedem Sonntagmorgen, seit ich mich als Aquarell-Anfängerin an die Fluchtpunktperspektive herangewagt habe. Perspektive zeichnen klang für mich lange nach Technik und Lineal, dabei ist es eher ein Griff, den man sich einmal aneignet – ein Skizzenbuch-Tipp für alle, die im Ruhestand noch einmal ganz neu und kreativ mit Stift und Papier anfangen.

Unser runder Holztisch am Ostfenster hat an der Kante inzwischen eine ordentlich abgewetzte Stelle, der Kaffee steht wie jeden Sonntag links davon, und auf dem schmalen Brett gegenüber trocknen die Blätter der letzten Wochen. Das Fenster steht auch sonntags im Winter einen Spalt offen. Dieser Vormittag ist über die Monate zu einem festen Ritual geworden, fast wichtiger als die Bilder, die am Ende dabei herauskommen.

Bevor ich beim Aquarell gelandet bin, habe ich es mit einem reinen Wörtertagebuch versucht, ganz ohne Bilder, nur Sätze über den Tag. Nach drei Wochen lag das Heft unbenutzt in der Schublade, weil mich Worte allein einfach nicht zurück an den Tisch gebracht haben. Eine Linie dagegen, die auf einen Punkt zuläuft, schon.

Perspektive zeichnen beginnt mit einem einzigen Punkt am Horizont

Auf Deutsch heißt das Prinzip Zentralperspektive, und der eine Punkt, auf den in dieser einfachen Form alles zuläuft, ist der Fluchtpunkt. Er liegt immer auf der Horizontlinie, also auf Höhe der eigenen Augen, egal ob ich sitze oder stehe. Jede Linie, die in Wirklichkeit gerade von mir weg in die Tiefe verläuft, eine Hecke, ein Kiesweg, die obere Kante eines Tores, zielt auf dem Papier auf genau diesen einen Punkt zu.

Nahaufnahme einer Hand, die mit Bleistift Fluchtlinien für die Perspektive im Skizzenbuch zeichnet, ein Aquarell-Anfänger Tipp für den Fluchtpunkt.

Wie findet man den Fluchtpunkt im eigenen Skizzenbuch?

Zuerst kommt eine ganz zarte Linie für den Horizont aufs Blatt, nicht zu dunkel, denn sie darf später wieder unter der Farbe verschwinden. Dann lege ich einen Punkt irgendwo auf dieser Linie fest, bei einem symmetrischen Motiv meistens in der Mitte, bei einer seitlichen Ansicht eher näher am Rand. Im Hofgarten setze ich ihn fast immer dort, wo die Kieswege optisch zusammenlaufen, kurz vor dem schmiedeeisernen Tor am Ende der Allee.

Drei Regeln für Linien, die zusammenlaufen

Danach halte ich mich an drei einfache Regeln, die ich mir auf einen Zettel neben den Malkasten geschrieben habe. In der einfachen Zentralperspektive gibt es nur diesen einen Fluchtpunkt, keinen zweiten und keinen dritten daneben. Alle Linien, die wirklich von mir weg in die Tiefe führen, wie die Kante eines Weges oder die obere Linie einer Hecke, laufen auf diesen Punkt zu, während alle senkrechten Linien, also Torpfosten oder Fensterrahmen, stur im rechten Winkel zur Horizontlinie stehen bleiben, egal wie schräg der Rest des Bildes wirkt.

Für diese Linien nehme ich mittlerweile festes Papier mit 300 Gramm, weil es sich unter viel Wasser später nicht wellt, aber das ist ein eigenes Thema für einen anderen Sonntag. Wichtiger an dieser Stelle ist, wie wenig Werkzeug man wirklich braucht: ein Bleistift, ein Radiergummi, das eigene Auge.

Der Anfänger-Strich darf ruhig wackeln

Meine Linien sind dabei nie kerzengerade. Das ist durchaus Absicht. Ein Fluchtpunkt-Gerüst, das komplett mit dem Lineal gezogen wurde, wirkt auf mich schnell wie eine technische Zeichnung aus dem Sachunterricht, nicht wie ein Blatt, das eine Person gemacht hat. Meine Bekannte Elfrun, die ich von einem Aquarell-Nachmittag im Gemeindehaus kenne, lacht einfach los, wenn ihr eine Linie danebengerät, und entschuldigt sich nie dafür, und genau diese Haltung gefällt mir inzwischen besser als jede Geraden-Perfektion.

Dass Warum Zeichnen lernen für Aquarellbilder auch ohne Talent möglich ist, merke ich gerade an dieser Übung besonders deutlich. Perspektive ist am Ende vor allem eine Frage der Beobachtung, nicht des Talents oder der ruhigen Hand. Zeichnen und Malen sind ohnehin zwei verschiedene Baustellen für mich, aber die Perspektive gehört eindeutig zur ersten. Wer genau hinschaut, wie die Torpfosten im Hofgarten nach hinten schmaler werden, hat die halbe Arbeit schon erledigt, bevor der Stift überhaupt das Papier berührt.

Skizzenbuchseite für Perspektive zeichnen: leicht unperfekte Aquarellskizze einer Gasse mit Fluchtpunkt.

Linien stehen lassen, Farbe kommt später

Erst wenn die Bleistiftlinien stehen, kommt bei mir der Pinsel dazu, und neulich lag er zum ersten Mal richtig ruhig in der Hand, ohne das übliche leichte Zittern, die Linie kam in einem einzigen Zug heraus. Wenn die nasse Spitze dann das noch trockene Blatt berührt, macht das ein feines Zischen, das ich inzwischen genau kenne.

Was danach kommt, hebe ich mir bewusst für andere Sonntage auf. Wie viel Wasser der Pinsel verträgt, bevor die Farbe einfach wegläuft, wie sich zwei Farben mischen lassen, ohne matschig zu werden, wie man helle Flächen freilässt statt sie zu übermalen, und wie mehrere Farbschichten übereinander für mehr Tiefe sorgen – das sind eigene Geschichten. Genauso, was Nass-in-nass von einer trockenen Linie unterscheidet, wie Licht und Schatten über eine Fassade wandern, welche Pigmente transparent bleiben, während andere kräftig decken, und was ich mache, wenn trotz aller Regeln doch mal etwas richtig danebengeht.

Mein Skizzenbuch nehme ich inzwischen auch mit, wenn ich zu meiner Tochter nach Heidelberg fahre, und da warum ein Skizzenbuch für Anfänger auf Reisen eine Bereicherung ist, merke ich jedes Mal aufs Neue, auch ohne festen Fluchtpunkt unterwegs. Für den heutigen Sonntag am Küchentisch reicht mir aber der Hofgarten mit seinen vierzehn Buchsbaumkugeln, ein Bleistift und der eine Punkt, auf den alles zuläuft.

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