
Ein Kurs, der nicht von der ersten bis zur letzten Lektion in der vorgesehenen Reihenfolge durchgearbeitet wird, gilt in manchen Foren als vertane Zeit oder gar als Fehlkauf. Genau dieser Gedanke hält einige im Ruhestand davon ab, sich als neues Hobby an Aquarell-Portraits zu wagen, wenn Enkelkinder malen eigentlich das Ziel ist. Aus meiner eigenen Portraitweg-Erfahrung kann ich sagen: Das stimmt so nicht. Man darf sich nur die Teile eines Kurses nehmen, die man wirklich braucht, und den Rest liegen lassen.
Bevor es weitergeht, kurz der ehrliche Hinweis: Dieser Text enthält Affiliate-Links zu Kursen, die ich selbst gekauft und über Monate benutzt habe. Kaufst du darüber, bekomme ich eine kleine Provision, ohne dass dich das mehr kostet. Nach 35 Jahren im Klassenzimmer nehme ich es mit der Genauigkeit noch immer sehr genau.
Der Mythos vom kompletten Durcharbeiten
Direkt nach der Pensionierung hatte ich mir eine Sudoku-App aufs Handy geladen, jeden Abend eine Runde, um den Kopf beschäftigt zu halten. Nach einem Monat war mir davon so langweilig wie früher von den immer gleichen Diktaten in der Korrektur. Zahlen ohne ein Gesicht dahinter, das war auf Dauer einfach nichts für mich.
Der Menschen Zeichnen Masterkurs (Portraitweg) lag bei mir schon einmal auf Eis, weil mir der harte Bleistift in der Hand falsch vorkam. Zurückgebracht hat mich nicht neue Motivation, sondern die Sicherheit, die mir die Sonntage mit dem Aquarell Online Kurs inzwischen gegeben hatten. Diesmal habe ich mir nur die Lektionen zu den Kopf- und Gesichtsproportionen herausgesucht und den Rest einfach ausgelassen.
Walpurga Kiefer aus dem Timothy90-Kursforum ist mit den Wochenlektionen erheblich schneller durch als ich, sie postet fast jede Woche ein neues Bild, während ich an einem einzigen Gesicht tagelang hänge. Genau das hat mir gezeigt, dass Tempo hier nicht die Währung ist, die zählt. Wer ein Kapitel dreimal ansieht, bevor der Pinsel überhaupt ans Papier kommt, verliert dabei nichts.

Was der Portraitweg-Kurs wirklich verändert hat
Papier spielt dabei eine größere Rolle, als ich anfangs dachte. Für Portraits nehme ich inzwischen ein kräftigeres Aquarellpapier, weil sich dünneres bei den feinen Hautlasuren schneller wellt. Wie viel Gewicht am Ende sinnvoll ist, wäre ein eigenes Thema für sich, hier reicht der Hinweis: Zu dünn lohnt sich für Gesichter nicht.
Aus dem Portraitweg-Kurs nehme ich vor allem die Lektionen zu den Kopfproportionen mit, etwa dass das Auge ungefähr auf der Mittellinie des Kopfes sitzt. Das lässt sich eins zu eins auf Aquarell übertragen, auch ohne dass ich je den kompletten Bleistift-Teil durchgearbeitet habe. Mit den Übungen aus meinem Beitrag über Zeichenübungen am Sonntag kombiniere ich das inzwischen ganz selbstverständlich.
Neulich, bei einem ganz anderen Bild, habe ich für die Hecke hinter meinem Enkel die Grüntöne gemischt, ohne lange nachzudenken, und sie passten auf Anhieb. Bei einem Gesicht klappt das bei mir bis heute nicht so mühelos. Die Farbe läuft dann leise ins feuchte Papier, und ich muss eine Weile stillhalten und nichts tun, damit sie ihren eigenen Weg findet, bei einer Wange ist das schwerer auszuhalten als bei einer Hecke.

Was am Küchentisch mit den Enkeln tatsächlich funktioniert
Perfektion ist beim gemeinsamen Malen eher hinderlich, das habe ich schnell gemerkt. Will ich unbedingt ein fotorealistisches Ergebnis, verkrampfe ich, und die Kinder spüren das sofort. Einmal habe ich die Nase absichtlich zu rot gelassen, und wir haben beide gelacht, statt dass ich das Blatt zerknüllt hätte.
Für die Zugfahrten zu meiner Tochter habe ich mir außerdem den Skizzen-Videokurs gegönnt, kurze Impulse ohne festen Lehrplan, genau richtig für eine Fahrt im ICE. Missglückte Farben gehören für mich längst dazu, so wie das Gelb, das neulich viel zu grell geriet. Wer mehr über den Umgang mit solchen Patzern lesen möchte, findet das in meinem Aquarell-Tagebuch über misslungene Bilder.
Muss man schnell durch den Kurs kommen?
Nein, muss man nicht. Vor dem Portraitweg-Kurs hatte ich mit dem Zeichnen Lernen Kurs reinen Bleistift versucht, aber für Gesichter fehlte mir dort die Tiefe, und der Strich fühlte sich bei mir einfach hölzern an. Beim Portraitweg schaue ich mir jede Lektion zwei- oder dreimal an, bevor der Pinsel überhaupt ans Papier kommt.
Das mag manchen zu langsam sein. Für ein Gesicht, in dem mein Enkel sich selbst wiedererkennt, war es für mich genau richtig. Als 58-Jährige mit ziemlich viel Zeit im Ruhestand kann ich mir dieses Tempo leisten, und genau darin liegt für mich der eigentliche Vorteil des Ruhestands gegenüber dem alten Stundenplan.

Enkelkinder erkennen mehr, als wir glauben
An diesem Sonntag sitzt vor mir ein Bild, das nicht perfekt ist. Die Ohren sitzen einen Millimeter zu tief, und unter dem Kinn ist der Schatten etwas zu grau geraten. Trotzdem erkenne ich diesen Schalk in den Augen sofort wieder, eingefangen durch eine winzige ausgesparte Stelle im Papier, an der das Weiß einfach stehen bleibt.
Wenn dich der Gedanke reizt, selbst Gesichter zu malen, schau dir den Menschen Zeichnen Masterkurs in Ruhe an. Er gibt die Struktur, die man braucht, wenn das Talent erst noch geweckt werden muss, bei mir war das mit 58 nicht anders. Fang einfach mit einem Auge oder einer Nase an, mehr braucht der erste Versuch nicht.