
Sechs Farben liegen heute in meinem neuen Kasten, und keine einzige davon stammt aus einem fertigen Set von der Stange. Das war nicht immer so. Als Aquarell-Anfängerin habe ich lange gedacht, ein guter Kasten mit vielen Näpfchen sei die halbe Miete beim Farben mischen. Mein Küchentisch-Atelier am Fenster hat mich inzwischen etwas anderes gelehrt: Wer sich seine eigene Farbpalette zusammenstellt, lernt mehr über Farbe als jeder vorgefertigte Kasten je vermitteln könnte.
Bevor der Pinsel überhaupt eine Rolle spielte, habe ich es mit einer Sudoku-App versucht, jeden Tag ein Rätsel, pünktlich nach dem Frühstück. Nach einem Monat lag das Handy nur noch ungeöffnet auf dem Tisch. Zahlen ordnen sich eben nicht so an wie Farben auf einem Blatt Papier. Seit zwei Jahren sitze ich nun sonntags am Fenster, und genau in dieser Zeit habe ich gelernt, dass die Wahl der Farben selbst schon die halbe Arbeit ist.
Ein fertiger Kasten passt nicht zu jedem Licht
Mein erster Kasten hatte 24 Farben, gekauft kurz nach meiner Pensionierung. Am Ende habe ich vielleicht sechs davon wirklich gebraucht, der Rest blieb unberührt, weil ich nicht wusste, wie ich sie zähmen sollte. Mehr Näpfchen bedeuten nicht automatisch mehr Möglichkeiten, sie bedeuten vor allem mehr Unsicherheit beim Greifen zum Pinsel. Auf der Tube steht oft ein kryptischer Pigment-Code, der verrät, welches Pigment wirklich drinsteckt – mehr muss man darüber gar nicht wissen, um trotzdem eine kluge Wahl zu treffen.

Zwei Wege zu einer eigenen Palette
Im Timothy90s-Forum, aus dessen Kurs auch meine knappen sechs Farben stammen, tausche ich mich hin und wieder mit Walpurga Kiefer aus. Sie hat denselben Kurs ungefähr zur gleichen Zeit begonnen, saß dabei aber nicht an einem Küchentisch in Würzburg, sondern an einem Fenster in Österreich – mit einem ganz anderen Licht als meinem. Genau dieser Unterschied macht den Vergleich interessant: zwei Anfängerinnen, derselbe Kurs, am Ende aber zwei ziemlich unterschiedliche Paletten.
Meine schmale Auswahl funktioniert, weil mein Licht kühl bleibt
Mein Ostfenster lässt morgens ein kühles, bläuliches Licht herein, selbst wenn draußen die Sonne längst hoch steht. Dafür habe ich mir ein warmes und ein kühles Gelb, ein warmes und ein kühles Rot sowie ein warmes und ein kühles Blau in die Näpfchen gefüllt – sechs Farben, aus denen sich fast jeder Ton mischen lässt, den ich für Würzburger Dächer oder Herbstblätter brauche. Wie viel Wasser dabei auf den Pinsel kommt, entscheidet am Ende fast genauso viel über den Ton wie die Farbe selbst, das habe ich erst beim Mischen wirklich verstanden.
Die erste Mischung aus warmem Rot und kühlem Blau wurde allerdings kein klares Violett, sondern ein stumpfes Graubraun – zu viel von beiden Farben, zu wenig Wasser dazwischen. Erst als ich die Menge halbierte, kam das Violett heraus, das ich mir vorgestellt hatte. Ein bisschen Grau darf trotzdem bleiben, finde ich inzwischen – ein Violett, das nicht ganz so laut schreit, passt oft besser zu einem grauen Würzburger Sonntagmorgen als ein Ton direkt aus der Tube.
Es gibt mittlerweile Sonntage, an denen der Pinsel einfach über das Blatt gleitet, ganz ohne das Zittern, das anfangs noch da war. Ich spüre dann nur noch das Gewicht des vollgesogenen Pinsels kurz vor dem ersten Strich gegen den Zeigefinger, diesen kleinen Widerstand, bevor die Farbe losgeht.
Walpurgas anderes Licht verlangt andere Farben
Walpurga hat mir erzählt, dass bei ihr nachmittags ein viel wärmeres, gelberes Licht einfällt als bei mir am Vormittag, und das hat sie zu einer anderen Entscheidung gebracht. Sie hat ihrer schmalen Grundpalette zwei zusätzliche Erdtöne hinzugefügt, weil die kühlen Mischtöne bei ihrem Licht sonst stumpf und leblos wirkten. Für die Nass-in-nass-Technik, bei der die Farbe auf feuchtem Papier ineinanderfließt, braucht sie dadurch weniger Mischschritte als ich, weil die Erdtöne schon fertig im Näpfchen liegen. Auf die Lichtechtheit achten wir beide trotzdem gleich genau, auch ohne groß über die Angaben auf den Tuben zu diskutieren – uns interessiert vor allem, ob das Bild in ein paar Jahren noch so aussieht wie am Tag, an dem es trocknete.
Die Dosen für die Zugfahrt nach Heidelberg einpacken
Meine Tochter lebt in Heidelberg, und im Zug dorthin zeigt eine schmale Palette ihren klaren Vorteil: Nichts rollt durch den Koffer, und niemand muss zwischen fünf ähnlichen Grüntönen entscheiden, man mischt einfach mit dem, was man hat. In meiner ehrlichen Meinung zum Aquarell online malen lernen für absolute Einsteiger hatte ich schon geschrieben, dass einen die Ausrüstung nicht einschüchtern sollte – ein Glas Wasser, ein paar gute Farben und ein Küchentisch reichen für den Anfang völlig aus.
Als meine Freundin am Telefon erzählte, sie habe wieder einen Sauerteig nach einem alten Familienrezept angesetzt, musste ich lachen: Wir kneten beide sonntags, nur sie Teig und ich Farbe, und bei beidem entscheidet die Geduld mehr als das Rezept selbst.

Die passende Palette für dich
In meiner entspannten Morgenroutine für kreative Frauen mit Aquarellfarben am Sonntag ist das Mischen selbst längst der Teil, auf den ich mich am meisten freue, fast mehr als das fertige Bild danach. Wer dagegen in warmem, gelbem Licht arbeitet oder Motive mit kräftigen Erdtönen malt – Blumen in der Vase zum Beispiel, wie ich es in wie man Blumen in einer Vase mit Aquarellfarben lebendig malt beschrieben habe – tut gut daran, von Anfang an zwei oder drei zusätzliche Farben einzuplanen, statt sie später mühsam aus Grundfarben herauszuquetschen.
Zwischen meiner schmalen Sechs-Farben-Palette und Walpurgas erweiterter Variante gibt es also kein Richtig oder Falsch, nur die Frage, welches Licht auf deinem eigenen Tisch liegt und was du damit malen willst. Nimm die schmale Palette, wenn dein Licht kühl bleibt und du lieber öfter mischst als öfter kaufst. Nimm die breitere Palette, wenn dein Licht warm ist oder deine Motive kräftige, erdige Töne brauchen, die sich aus sechs Grundfarben nur mühsam herausquetschen lassen.
Meine Näpfchen haben noch Farbspritzer auf dem Deckel und ein übergelaufenes Gelb am Rand, aber sie sind meine eigenen. Das ist am Ende mehr wert als jede perfekt vorgemischte Fabrikauswahl.