Aquarell Sonntag

Aquarellfarben entsättigen lernen: Meine Tipps aus dem Wochenaquarell Kurs

Ein Aquarell wirkt manchmal so, als hätte jemand die Farbe direkt aus dem Näpfchen aufs Blatt gekippt, während ein anderes Bild mit denselben drei Grundfarben beim Farben mischen plötzlich ruhig und tief wirkt.

Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht, aber im Wochenaquarell Kurs hat sich für mich fast alles um ein einziges Wort gedreht: Entsättigung. Zwei ziemlich unterschiedliche Wege führen dorthin, und als Hobbymalerin probiere ich inzwischen beide aus, je nachdem, was gerade auf dem Papier entstehen soll. Wer selbst gerade aquarell lernen möchte, stößt früher oder später auf genau diese Gabelung: reine Farbe aus dem Napf oder ein gebrochener, ruhigerer Ton.

Aquarellfarben entsättigen lernen: zwei grundverschiedene Wege

Entsättigen heißt nichts anderes, als einer Farbe die Schärfe zu nehmen, damit sie sich neben den anderen Farben im Bild nicht aufdrängt. Beide Wege, die ich kennengelernt habe, erreichen genau das, aber auf vollkommen verschiedene Art. Der eine passiert auf der Palette, bevor der Pinsel überhaupt das Papier berührt. Der andere entsteht erst dort, wo Wasser und trockenes Papier aufeinandertreffen.

Bevor beim Aquarell überhaupt etwas gelang, hatte ich schon einen anderen Versuch hinter mir: Stricken nach Video-Anleitungen von YouTube, bei dem mir ständig eine Masche von der Nadel gerutscht ist. Beim Mischen von Farben passiert mir manchmal etwas Ähnliches. Man verliert für einen Moment den Überblick, und das Ergebnis franst aus, ganz ähnlich wie damals die Reihen auf meinen Nadeln.

Nahaufnahme einer Aquarell-Palette beim Mischen von Komplementärfarben zur Entsättigung.

So mische ich Komplementärfarben auf der Palette

Im klassischen Farbkreis liegen sich Komplementärfarben genau gegenüber, und ausgerechnet dieser Abstand ist der Grund, warum sie sich beim Mischen gegenseitig beruhigen. Orange bricht Blau, Grün bricht Rot, Violett bricht Gelb, ohne dass eine der beiden Farben dabei schmutzig wirkt.

Ein Klecks Orange im Ultramarinblau macht die Farbe nicht trüb, sie wird tief, fast wie der Stein der Festung Marienberg an einem bewölkten Tag. Schwarz brauche ich für solche Schatten kaum noch, denn Schwarz macht eine Fläche oft nur tot und flach, während die Gegenfarbe ihr etwas Lebendiges lässt.

Gerade solche ruhigen Entdeckungen sind es, die mir zeigen, wie viel mir die Aquarellmalerei zur sinnvollen Zeitgestaltung im Ruhestand inzwischen bedeutet. Im Forum des Kurses erzählte eine andere Teilnehmerin, Walpurga Kiefer, dass sie durch genau dieses Modul regelrecht hindurchgeflogen sei, während ich jede Übung mehrmals wiederholt habe, bis die Mischung auf der Palette endlich stimmte.

Trockener Pinsel bricht die Farbe auf dem Papier

Der zweite Weg hat nichts mit Mischen auf der Palette zu tun. Hier lasse ich die Farbe fast verhungern, mit einem kaum feuchten Pinsel, der über die raue Oberfläche eines schweren Aquarellpapiers streicht. Man hört es fast, dieses feine Zischen, wenn die nasse Spitze über das noch trockene Korn des Papiers fährt, und genau dort, in den winzigen Vertiefungen, bleibt das Weiß des Papiers stehen und bricht die Farbe auf eine ganz eigene Art.

Zu viel Wasser zerstört diesen Effekt sofort. Einmal ist mir ein ganzer Bogen 300-Gramm-Papier genau deshalb misslungen. Aus Angst vor zu dunklen Flächen hatte ich so viel Wasser genommen, dass am Ende nur blasse, randlose Pfützen übrig blieben, ganz ohne Struktur.

Ein misslungenes Aquarellbild beim Entsättigen mit zu viel Wasser auf 300g Papier liegt neben einem Papierkorb.

Eine Freundin von mir macht jeden Tag Nordic Walking im Ringpark und erzählt oft von den rissigen Baumrinden und dem verwitterten Mauerwerk dort am Weg. Genau solche Flächen sind es, bei denen der trockene Pinsel sein Bestes zeigt, denn eine glatte Mischung von der Palette würde dort viel zu ordentlich wirken.

Detailaufnahme der Granulierungstechnik mit trockenem Pinsel auf strukturiertem Aquarellpapier zur Farben-Entsättigung.

Welcher Weg passt zu welchem Motiv?

Als mein Enkel neulich eines dieser raueren Bilder sah, meinte er nur, das sehe aus wie ein richtiges Gemälde und nicht wie gemalt, ausgerechnet bei einem Motiv, das ich selbst fast aussortiert hätte, weil es mir zu grau vorkam.

Inzwischen entscheide ich von Motiv zu Motiv. Ist die Fläche selbst schon unruhig, etwa altes Gestein oder trockene Pflanzenstängel, lasse ich lieber den trockenen Pinsel über raues Papier ziehen, denn genau dabei zeigt sich auch, wie ich starre Linien loslasse. Soll eine Fläche dagegen ruhig bleiben, etwa eine stille Wasserfläche oder ein bewölkter Himmel, greife ich zur Komplementärfarbe auf der Palette, dazu passen übrigens auch meine Tipps für ruhige Seen gut. Weg eins schenkt Ruhe, Weg zwei schenkt Charakter, und keiner von beiden ist der bessere, nur der jeweils passendere für das, was gerade auf dem Papier entstehen soll.

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