
Spatzen sind nie nur braun. Im Napf landen Ocker, ein Hauch Siena und ein Tupfen Violett, bevor der Pinsel überhaupt das Papier berührt. Genau das lerne ich immer wieder neu, seit ich mich im Ruhestand an kleine Vögel in Aquarell heranwage: Ein Vogel gelingt nicht durch exaktes Abmalen jeder Feder, sondern durch wenige runde Formen und einen einzigen hellen Punkt im Auge. Für Anfänger ist das eher eine Erleichterung als eine Hürde – man muss keine Ornithologin sein, nur ein bisschen genauer hinschauen als sonst.
In den Kommentaren unter meinen Sonntagsbildern tauchen immer wieder ähnliche Fragen auf. Heidlinde, die seit Monaten mitschreibt und nach eigener Aussage im Lernprozess noch etwas weiter hinten steht als ich, hat neulich gefragt, ob man für so ein kleines, flauschiges Tier nicht eine ruhigere Hand braucht als ihre. Die ehrliche Antwort: nein. Man braucht vor allem die Bereitschaft, dass der erste Versuch aussieht wie eine Kartoffel mit Beinen.
Wie fängt man bei einem kleinen Vogel am besten an?
Am Anfang reicht ein kleines Blatt und ein einziger mittlerer Pinsel – mehr Ausrüstung macht einen Vogel nicht lebendiger, nur die Einkaufsliste länger. Welches Papier sich im Detail eignet, ist eine andere Geschichte für sich; wichtig ist nur, dass es nicht sofort wellig wird. Ich beginne nie mit einer Linienzeichnung, sondern mit einem ovalen Wasserfleck für den Körper und einem kleineren für den Kopf. Ein Gimpel braucht einen rundlicheren Fleck als ein Zaunkönig, der eher länglich und aufrecht wirkt – diese Unterschiede in der Grundform entscheiden mehr über die Ähnlichkeit als jede einzelne Feder. Manchmal beobachte ich diese Grundformen auch ganz woanders, neulich etwa in der Wartehalle des Würzburger Hauptbahnhofs, wo ein paar Spatzen zwischen den Bankreihen nach Krümeln gesucht haben, während ich auf den Zug zu meiner Tochter nach Heidelberg wartete.

Der Lichtpunkt im Auge
Der Unterschied zwischen einem toten Vogel auf dem Papier und einem, der zurückschaut, ist kleiner als man denkt. Es ist ein einziger winziger weißer Punkt im schwarzen Auge, den ich frei lasse, bevor die Farbe dort überhaupt hinkommt. Ohne ihn wirkt das Auge wie eine schwarze Perle, mit ihm bekommt der Vogel plötzlich einen Blick. Ich setze diesen Punkt fast immer ganz zum Schluss, wenn das übrige Gefieder schon trocken ist, damit er nicht verläuft. Bei meinem letzten Rotkehlchen saß der Punkt leicht schief – und ausgerechnet das hat dem Tier einen schrägen, neugierigen Ausdruck gegeben, der mir besser gefällt als jede symmetrische Version.
Vorzeichnen mit Bleistift bremst die Bewegung
Ob man vor dem Malen überhaupt zeichnen sollte, ist eine Grundsatzfrage für sich; bei Vögeln lasse ich den Bleistift inzwischen fast komplett weg. Als ich meinen ersten Gimpel noch sauber mit Bleistift umrandet hatte, sah er aus wie ein roter Tennisball mit einer Linie drumherum, kein Fluchtweg nach oben, keine Bewegung im Flügel. Seitdem markiere ich höchstens zwei, drei Punkte für Kopf und Schwanzspitze und lasse den Rest über die feuchte Farbe entscheiden. Das Ergebnis ist unordentlicher, aber es wirkt, als könnte der Vogel im nächsten Moment wegfliegen – und genau das soll er ja auch können.
Was tun, wenn aus dem Zaunkönig nur Matsch wird?
Anfang Herbst ist mir ein ganzer Bogen in den Altpapiereimer gewandert, weil das Blau am Rücken eines Zaunkönigs in den braunen Bauch verlaufen ist, bis nur noch ein einziger brauner Fleck übrig blieb. Zu viel Wasser auf dem Pinsel, zu wenig Mut, einfach aufzuhören. Was ich seitdem mache: nach jeder Partie den Pinsel kurz fast trocken tupfen, bevor die nächste Farbe dazukommt, und lieber zu früh stoppen als zu lange im nassen Papier herumzurühren. Ein bisschen Matsch gehört dazu. Keiner außer mir sieht die Bögen, die vorher im Eimer gelandet sind.

Die eigene Palette für gefiederte Gäste mischen
Wie man aus wenigen Grundfarben überhaupt ein ganzes Farbspektrum mischt, ist ein eigenes Thema; für Vögel genügt mir inzwischen eine kleine Auswahl an Erdtönen und einem kräftigen Blau. Bevor das Aquarell überhaupt auf den Küchentisch kam, hatte ich es mit einem Töpferkurs versucht – meine Hände waren für den Ton einfach zu unruhig, jeder Krug wurde schief, bevor er fertig war. Neulich habe ich ein neues Farbkästchen ausgepackt, und beim Aufklappen des Deckels ist mir aufgefallen, dass meine Hände dabei überhaupt nicht mehr gezittert haben. Vielleicht ist das die eigentliche Antwort auf die Frage, warum gerade Aquarell und nicht Ton: Das Papier verzeiht ein zitterndes Handgelenk, der Ton nicht.
Warum fragen mich Leserinnen wie Heidlinde, ob das überhaupt zu lernen ist?
Die Frage kommt öfter, als ich erwartet hätte, und die Antwort ist fast immer dieselbe: Ja, aber nicht weil ein Talent da sein muss, sondern weil Geduld mit sich selbst eine Übung ist, die man mit 58 genauso neu lernt wie das Mischen von Farben. Gerhild, meine frühere Kollegin, die mir die Idee mit dem Aquarell überhaupt erst in den Kopf gesetzt hat, schickt mir inzwischen hin und wieder ein Foto von einem eigenen Bild, ganz ohne Kommentar dazu – und genau dieses Schweigen sagt mir mehr über ihre Fortschritte als jeder Satz es könnte. Wie dieser Weg zur kreativen Entspannung im Ruhestand überhaupt angefangen hat und warum die entspannte Morgenroutine am Sonntag für mich inzwischen unverzichtbar ist, habe ich an anderer Stelle ausführlicher aufgeschrieben. Hier zählt nur so viel: Nimm ein kleines Blatt, lass dem Vogel seinen Lichtpunkt im Auge, und wenn es am Ende doch nur eine Kartoffel mit Beinen wird – genau damit hat bei mir alles angefangen.