
Zwei Ahornblätter liegen nebeneinander auf dem Papier, beide mit demselben Ocker begonnen, und nach dem Trocknen sehen sie aus, als kämen sie von zwei verschiedenen Malerinnen. So geht es mir gerade ständig als Aquarell-Anfängerin in dieser Herbstmalerei-Saison: eine Idee, zwei Wege, zwei ziemlich unterschiedliche Ergebnisse. Aus dieser Frage ist inzwischen fast ein kleiner Vergleichstest geworden, den ich mir jeden Sonntag neu vornehme.
Heidlinde Fuchs hat das vor ein paar Tagen in den Kommentaren auf den Punkt gebracht, kurz und ohne lange Einleitung, wie es bei ihr üblich ist: Nass in einem Zug oder Schicht für Schicht — was eignet sich für Herbstblätter besser? Eine einfache Antwort hatte ich nicht, also habe ich beide Wege an denselben zwei Blättern ausprobiert, um es wirklich zu wissen und nicht nur zu vermuten. Die kurze Antwort vorweg: Es kommt darauf an, ob dir am Ende das Leuchten wichtiger ist oder die genaue Form des Blattes.

Herbstmalerei für Aquarell-Anfängerinnen: nass in einem Zug oder Schicht für Schicht?
Bei der ersten Methode feuchte ich die Form des Blattes komplett an und lasse die Farbe hineinlaufen, bis sie sich von selbst verteilt — die Nass-in-Nass-Technik, die an anderer Stelle auf diesem Blog schon ausführlicher vorkommt. Bei der zweiten baue ich Ton für Ton auf, warte zwischen den Schichten, bis jede Lage getrocknet ist, und setze erst dann die nächste Farbe darüber. Für beide Blätter habe ich denselben Umriss verwendet, nur damit der Vergleich überhaupt fair bleibt.
Der erste Weg leuchtet, der zweite hält die Form
Der nasse Weg gewinnt fast immer bei der Leuchtkraft: Die Farben verlaufen ineinander, ohne dass ich viel eingreifen muss, und genau das gibt den Blättern dieses satte Herbstglühen. Dafür verliere ich schneller die Kontrolle über den Rand, vor allem wenn das Aquarellpapier zu dünn ist und sich sofort wellt. Wie viel Wasser dabei genau ins Spiel kommt, ist wieder eine eigene Rechnung, die ich an anderer Stelle im Detail durchgehe.
Die Schicht-Technik dagegen hält die Form viel zuverlässiger. Die Kanten bleiben da, wo ich sie haben will, und ich kann gezielt nachdunkeln, wo der Schatten eines echten Blattes wirklich sitzt. Ich weiß noch, wie der Pinsel in genau so einem Moment plötzlich ganz ruhig in meiner Hand lag, kein Zittern mehr, nur noch dieser gleichmäßige Zug übers Papier. Der Pinsel macht dabei ohnehin den Unterschied: für die nasse Fläche nehme ich einen weichen, breiten, für die Schichten einen kleinen mit feiner Spitze, sonst verschwimmt die Kante, die ich gerade so mühsam aufgebaut habe. Und Pigmente verhalten sich unterschiedlich, je nachdem wie fein oder grob sie sind — auch das würde hier zu weit führen.
Ein Spaziergang im Hofgarten, bevor der Pinsel nass wird
Bevor ich überhaupt male, gehe ich oft durch den Hofgarten der Residenz und schaue mir an, wie das Licht durch die Blätter fällt und wo der Schatten wirklich liegt. Das entscheidet später, welche Stelle im Bild hell bleiben muss und welche ich getrost dunkler anlege — eine kleine Übung im Sehen, die mit Aquarell selbst noch gar nichts zu tun hat. Was ich dabei stehen lasse, also die kleinen hellen Flecken, die gar nicht angemalt werden, ist wieder eine eigene Geschichte für sich.

Früher hätte ich als Lehrerin sofort zum Bleistift gegriffen und alles vorgezeichnet, ganz genau, wie ich es jahrelang mit den Kindern geübt habe. Zeichnen fühlt sich für mich spürbar schwerer an als malen, aus Gründen, die ein anderer Text auf diesem Blog viel genauer auseinandernimmt als ich es hier tun könnte. Meiner Tochter in Heidelberg habe ich neulich am Telefon erzählt, dass sich mein Blick seitdem verändert hat — warum das Skizzieren auf Reisen nach Heidelberg meine Wahrnehmung verändert hat, das gilt inzwischen auch für jedes einzelne Blatt, das im Hofgarten am Boden liegt. Und doch merke ich, wie Zeichenübungen für Anfänger meine Aquarellbilder am Sonntag verbessern, auch ganz ohne Bleistift auf dem eigentlichen Blatt — nur eben vorher, beim Beobachten im Kopf.
Was an diesem Sonntag nicht geklappt hat
Nicht jeder Vergleich fällt schön aus. Das nasse Blatt ist mir einmal komplett weggelaufen, weil ich zu viel Wasser auf einmal aufgetragen hatte — am Ende sah es aus wie ein Farbklecks und überhaupt nicht mehr wie ein Ahornblatt, so sehr ich mir auch Mühe gegeben hatte, rechtzeitig gegenzusteuern.
Kreuzstich an der Volkshochschule stand vor dem Aquarell auf meiner Liste, aber nach zwei Abenden war Schluss: Die Muster waren mir zu winzig, meine Augen haben schnell gestreikt. Aquarell dagegen verzeiht kleine Missgeschicke ziemlich gut, gerade weil nasse Farbe ohnehin ihren eigenen Kopf hat und sich nie ganz kontrollieren lässt.
Gerhild Messing hat neulich am Telefon nur beiläufig gefragt, ob ich beide Blätter behalten würde, so wie sie mir früher auch das Aquarell einfach nebenbei empfohlen hat, ohne großes Aufheben. Ich habe ihr gesagt, dass ich mir noch nicht sicher bin — vielleicht hänge ich am Ende beide nebeneinander auf, genau wegen des Unterschieds.
Farbe fürs Blatt mische ich inzwischen aus sehr wenigen Grundtönen, das ist wieder ein eigenes Thema für sich. Für den Schatten unter einem Blattrand reicht oft ein winziger Klecks Komplementärfarbe, mehr braucht es meistens nicht. Wo genau das Blatt am Ende auf dem Papier sitzt, links, rechts, mit viel Rand drumherum oder eng am Format, entscheidet über den ganzen Eindruck des Bildes — auch das gehört eigentlich in eine andere Übung, aber bei beiden Vergleichsblättern habe ich bewusst dieselbe Position gewählt, um wirklich nur die Technik zu vergleichen.
Wofür sich welcher Weg lohnt
Für mich läuft es inzwischen auf eine einfache Faustregel hinaus. Nass in einem Zug lohnt sich, wenn das Blatt insgesamt leuchten soll und ein bisschen Unschärfe am Rand nicht stört — frisch gefallene Blätter mit viel Farbverlauf zum Beispiel. Schicht für Schicht lohnt sich, wenn die Form selbst wichtig ist, etwa bei einem Blatt mit auffälliger Zacke oder einem Wurmloch, das genau an der richtigen Stelle sitzen soll. Wer wie Heidlinde nach der einen richtigen Methode fragt, bekommt von mir also keine einzige Antwort, sondern zwei — je nachdem, was am Ende auf dem Papier wichtiger sein soll.
Wenn du selbst Herbstblätter malen willst, probier ruhig beide Wege an ein und demselben Blatt aus, dann siehst du schnell, welcher zu dir passt. Für mich im Ruhestand ist genau das die Entspannung: zwei Blätter, ein Sonntag, zwei Antworten statt einer.