
Ich halte zwei Blätter nebeneinander auf dem Tisch: eines mit einer alten Bank vom Sanderglacis, die ich fotografiert habe, das andere eine gedruckte Vorlage aus einem Aquarellbuch für Anfängerinnen. Beide sollen heute zur gleichen Blattgröße passen, und schon beim Hinschauen merke ich, wie unterschiedlich sie sich anfühlen. Die Suche nach passenden Malvorlagen ist für mich als Aquarell-Anfängerin im Ruhestand zu einer kleinen kreativen Wissenschaft für sich geworden, ohne dass sie kompliziert sein müsste. Meine Sonntagsroutine beginnt längst nicht mehr mit der Frage, was ich malen soll, sondern womit.
Eine Leserin, Heidlinde Fuchs, hat neulich in den Kommentaren genau danach gefragt: woher meine Vorlagen eigentlich kommen, nicht wie ich male, sondern was ich vorher schon in der Hand habe. Gute Frage. Ich arbeite inzwischen mit zwei ganz unterschiedlichen Quellen, und beide haben ihre eigene Berechtigung, je nachdem, wie viel Kraft ich an einem Sonntag mitbringe.
Zwei Quellen, ein leeres Blatt
Auf der einen Seite stehen eigene Fotos: Motive vom Sanderglacis, aus dem Garten oder von der Fensterbank. Auf der anderen Seite stehen fremde Vorlagen, also Bilder aus Büchern oder aus lizenzfreien Datenbanken, die eigens für Anfängerinnen zusammengestellt sind. Beide haben mich schon zu Bildern geführt, auf die ich stolz war, doch sie verlangen völlig unterschiedliche Herangehensweisen. Eine gute Fotovorlage macht ja noch lange kein gutes Aquarell, das hängt von ganz anderen Dingen ab als vom Motiv allein.

Der Unterschied zeigt sich meistens erst am Tisch, wenn der Pinsel schon nass ist. Bei eigenen Fotos muss ich selbst entscheiden, was wichtig ist und was wegbleiben darf. Bei fremden Vorlagen hat das oft schon jemand anderes für mich vorgedacht. Keine der beiden Varianten ist automatisch die bessere, aber sie fühlen sich beim Malen komplett unterschiedlich an.
Was eigene Fotos vom Sanderglacis mitbringen
Am Sanderglacis nehme ich mein Handy fast bei jedem Spaziergang mit, weil sich dort ständig etwas verändert, ein Lichtfleck auf dem Weg, eine Bank in der Nachmittagssonne, ein Zaun mit Schatten davor. Der Vorteil liegt auf der Hand: Das Motiv bedeutet mir etwas, bevor der erste Strich überhaupt gezogen ist. Der Nachteil zeigt sich meistens erst später, wenn ich am Tisch sitze und merke, wie viele Details so ein Foto eigentlich enthält, die eine gezeichnete Vorlage nie hätte. Da wird schnell klar, wie unterschiedlich sich Zeichnen und Malen nach Foto anfühlen, ein Thema für sich, das eine eigene Betrachtung verdient.
Früher habe ich versucht, jeden Ziegelstein und jedes Blatt exakt so wiederzugeben, wie es auf dem Bildschirm aussah, und genau das hat die Leichtigkeit erstickt, die ich beim Aquarellieren eigentlich suche. Mein Handgelenk wurde starr, das Ergebnis wirkte bemüht statt lebendig. Wie ich ein Motiv inzwischen vereinfache, bevor ich überhaupt zum Pinsel greife, hat auch mit dem Bildaufbau zu tun, den ich mir vorher zurechtlege, auch das ist eine eigene Geschichte. Warum ich solche missglückten Blätter trotzdem aufhebe, halte ich in meinem Aquarell-Tagebuch fest.

Warum fremde Vorlagen Anfängerinnen oft leichter fallen
Bücher und lizenzfreie Bilddatenbanken haben für mich einen klaren Vorteil: Jemand hat die Auswahl schon getroffen. Als ehemalige Lehrerin nehme ich das Urheberrecht dabei ernst und greife nur auf Quellen zurück, die für private Bilder freigegeben sind. Ich suche dort nach einfachen Begriffen wie Zitrone, einsames Haus oder Hagebutte und achte darauf, dass die Motive klare Formen haben. Ein ganzer Wald ist mir noch zu viel, ein einzelner knorriger Baum dagegen genau richtig.
Diese Vorlagen sind meistens schon auf Licht und Schatten reduziert, ohne dass ich selbst erst entscheiden muss, wo es dunkel wird und wo das Papier weiß bleiben darf, auch das ist ein eigenes Thema, das mehr Tiefe verdient, als ich hier hineinpacken kann. Genau diese Reduktion macht fremde Vorlagen für den Einstieg oft freundlicher als das eigene, volle Foto. Auch beim Skizzieren unterwegs, etwa auf der Fahrt zur Tochter nach Heidelberg, merke ich, wie sehr mir eine bereits vereinfachte Vorlage hilft, wenn die Zeit knapp ist und der Zug nicht auf mich wartet, dazu habe ich beim Skizzieren auf der Reise nach Heidelberg mehr geschrieben.

Wann greife ich zu welcher Vorlage?
Gerhild, die frühere Kollegin, die mir überhaupt erst vom Aquarellieren erzählt hat, hört sich solche Abwägungen manchmal an und kommentiert trocken, ohne jede Schwärmerei: Nimm halt, was gerade vor dir liegt. Sie hat in ihrer nüchternen Art nicht ganz unrecht, auch wenn es mir selbst nie ganz so einfach fällt.
Bevor überhaupt das Aquarell in mein Leben kam, hatte ich es mit einem Töpferkurs versucht. Meine Hände waren an der Scheibe einfach zu unruhig für den Ton, und der Kurs blieb eine kurze Episode. Seitdem achte ich bewusster darauf, mir keine Vorlage auszusuchen, die mich von vornherein überfordert, egal ob Foto oder Buch.
Mit der flachen Hand fahre ich inzwischen kurz über ein neues Blatt, bevor ich mich für eine Vorlage entscheide, die raue Körnung des schweren Papiers unter den Fingerkuppen verrät mir, ob es viele Korrektionen verträgt oder eher zurückhaltend behandelt werden will. Fällt die Entscheidung für ein kompliziertes eigenes Foto, nehme ich lieber das robustere Blatt. Bei einer bereits vereinfachten Vorlage reicht auch ein einfacheres Papier.
Meine Faustregel für die Vorlagensuche
Meine Faustregel ist inzwischen einfach: Ein eigenes Foto nehme ich, wenn mir der Ort oder der Moment etwas bedeutet und ich bereit bin, selbst zu entscheiden, was wegfällt. Eine fremde Vorlage nehme ich, wenn der Kopf am Sonntag noch leer ist oder wenn die Zeit knapp ist und ich keine Lust auf lange Vorüberlegungen habe. Keine der beiden Varianten macht mich zur besseren Malerin, sie passen nur zu unterschiedlichen Sonntagen.
Als ich neulich das fertige Blatt mit der Bank vom Sanderglacis auf die schmale Ablage am Fenster gelegt habe, habe ich gemerkt, dass ich die ganze Zeit kein einziges Mal auf die Uhr geschaut hatte, obwohl der Kaffee in der Tasse längst kalt war. Genau das ist für mich das eigentliche Zeichen, dass die Vorlage die richtige war, ganz gleich, woher sie stammt.
Wenn du selbst noch unsicher bist, probiere ruhig beide Wege an einem Sonntag aus: ein eigenes Foto und eine fremde Vorlage, nebeneinander auf dem Tisch. Du wirst ziemlich schnell merken, welche der beiden Quellen sich für dich runder anfühlt, und das ist am Ende wichtiger als jede Regel, die ich hier aufschreiben könnte.